Sully – Filmkritik

Bewertung: 7/10
Kurz: Dramaturgisch perfekt aufgebaut, packend erzählt und gut gespielt. Einzig etwas weniger Pathos wäre schön.
Kinostart: 1. Dezember 2016

Die Geschichte kennt wohl fast jeder: Im Januar 2009 kollidiert ein Flugzeug in New York kurz nach dem Start mit einem Vogelschwarm, beide Triebwerke fallen aus. Dem Piloten Chesley Sullenberger gelingt das Kunstwerk einer Notlandung auf dem Hudson River, alle 155 Fluginsassen überleben. Sullenberger – kurz Sully – wird als Held gefeiert. Das alles wäre in wenigen Minuten erzählt, der Ausgang des Films ist von vornherein klar. Und trotzdem gelingt Drehbuchautor Todd Komarnicki und Regisseur Clint Eastwood ein 96-minütigen Film, bei dem keine Minute Langeweile aufkommt.

Nicht für Leute mit Flugangst

Geschickt wird in Sully mit Rückblenden gearbeitet. Die Tage nach der Notwasserung, während denen sich Sullenberger (Tom Hanks) und Co-Pilot Jeff Skiles (Aaron Eckhart) vor dem Untersuchungsausschuss des National Transportation Safety Board rechtfertigen müssen, dienen als roter Faden. Dazwischen werden die Minuten zwischen dem Start bis zur Notwasserung aus verschiedenen Perspektiven eingeflochten. Für den Zuschauer wird es trotz der Rückblenden nie zu kompliziert, vielmehr schafft es der Film, eine Spannung aufzubauen, und diese bis zum Schluss zu halten.

Auch die Schauspieler, von Tom Hanks über Aaron Eckhart bis hin zu Anna Gun (bekannt aus Breaking Bad), vermögen alle zu überzeugen. Ebenso die Special Effects, welche die Notwasserung realistisch erscheinen lassen. Erschreckend realistisch: Die letzten Sekunden vor dem Aufprall auf dem Hudson River sind nichts für schwache Nerven – und erst recht nichts für Menschen mit Flugangst (!). Einzig der etwas gar extrem eingeflochtene US-Nationalstolz wirkt teilweise etwas grotesk. Und ein paar wenige Rückblenden zum Leben von Sully könnte man sich auch sparen. Alles in allem aber ein sehenswerter Film, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt – spätestens beim nächsten Flug wird man sich daran zurückerinnern.

Oscar-Chancen

Sully ist zwar ein wirklich gut gemachter, dramaturgisch geschickt erzählter Film, der im Gedächtnis bleibt. Und doch ist er zu wenig speziell, als dass er im Oscar-Rennen eine bedeutende Rolle spielen wird. Es läuft wohl auf zahlreiche Nominierungen hinaus, aber kaum einen Gewinn. Im Zentrum steht dabei vor allem Tom Hanks. Der zweifache Oscar-Gewinner wird hier seine sechste Oscar-Nominierung einheimsen. Hoffnungen auf einen Gewinn kann er sich jedoch kaum mache. Zu Recht, wie ich finde. Hanks spielt zwar sehr gut, ich hoffe aber noch auf packenderes Schauspiel in dieser Season.

Gleiches gilt zum Beispiel für die Visual Effects, die im Vergleich zu Doctor Strange dann doch zu wenig speziell sind. Auch bei Originaldrehbuch und sogar bei der Regie könnte es Nominierungen geben. Absolut gerechtfertigt, wie ich finde. Und nicht zuletzt sehen unter anderem «Awardcircuit», «IndieWire» und «The Hollywood Reporter» Sully sogar unter den Anwärtern für den Besten Film, jedoch immer auf den hinteren Rängen.

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4 Kommentare zu „Sully – Filmkritik“

  1. „Dramaturgisch perfekt aufgebaut“

    dem muss ich voller Inbrunst widersprechen.
    Die Rückblenden in die Vergangenheit Sullys haben uns weder die eigentliche Geschichte noch Sullys Charakter näher gebracht; die Telefonate mit seiner Frau, um das vermeintliche Haus haben einzig dem Zweck gedient, einem durchaus wohlhabenden Mann eine gewisse Fallhöhe zu geben, aber bei mir nur ein Schmunzeln hervorgelockt haben. Dann bleibt die Frage, wieso sie die Notwasserung gleich drei Mal zeigen, wenn vor allen Dingen in der ersten und in der dritten Perspektive nichts Neues erzählt wird. Teilweise sind es sogar die gleichen Dialoge (die sie 1:1 vom realen Flugschreiber übernommen haben). Dann die zweite Perspektive, die die Phase nach der Landung zeigt und in der auf ganz billige Art und Weise versucht wird, Spannung aufzubauen, indem Passagiere ins Wasser springen. Und doch weiß der Zuschauer, dass alle überleben werden. Dort hätte sich der Drehbuchschreiber etwas anderes ausdenken müssen, dass auf dem Spiel steht, um tatsächlich Spannung aufkommen zu lassen.
    Eine gut gemachte Heldenverehrung, die aber besonders dramaturgisch seine Schwächen hat, lautet mein Fazit.

    Erstaunlich wie unterschiedlich die subjektiven Empfindungen sind, obwohl wir den gleichen Film gesehen haben.

    Gefällt mir

    1. Danke fürs Lesen und Kommentieren! 🙂

      In einigen Punkten gebe ich dir absolut recht. Die Rückblenden in seinem Leben sind aus meiner Sicht auch mehrheitlich überflüssig. Die Telefonate mit seiner Frau aber haben aus meiner Sicht gezeigt, wie die Heldenverehrung eben auch durch die Presse geschieht – inklusive Belagerung.

      Die Notwasserung dreimal zu zeigen, macht aus meiner Sicht absolut Sinn. Alles andere wäre ein billiger Katastrophenfilm geworden. So aber wird der Zuschauer dreimal in eine andere Situation gestellt, einmal praktisch in den Tower, einmal zu den Passagieren und dann ins Cockpit – bis zum Schluss. Da stört es meiner Meinung nach auch nicht, dass die Dialoge sich teilweise wiederholen.

      Schlussendlich ist und bleibt es aber ein Hollywoodfilm, inklusive Passagiere im Wasser. 😉 Und es basiert auf dem Buch von Sully selbst, entsprechend wird auch nicht kritisch hinterfragt… Pathos lässt grüssen, deshalb auch nur 7/10.

      Aber wie du sagst: Super, wie der gleiche Film unterschiedlich wahrgenommen wird. Aber auch darum macht Kino ja Spass, und darüber zu reden 🙂

      Gefällt 1 Person

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