Die Schweizer Oscar-Chancen: Wave that Swiss flag high!

Die Nervosität steigt: Am Sonntag werden in Los Angeles die Oscars vergeben. Geht dabei auch einmal wieder eines der Goldmännchen an die Schweiz? Zumindest einer der Anwärter täte nicht schlecht daran, sich ein paar Worte für eine Dankesrede vorzubereiten. Ein Blick auf die drei Anwärter.

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«I Am Not Your Negro» – Bester Dokumentarfilm

Eigentlich müsste man von 2,5 Schweizer Oscar-Anwärtern sprechen. Denn der Dokumentarfilm «I Am Not Your Negro» ist zwar eine Schweizer Co-Produktion, mit Clos Up Films aus Genf als Mitproduzent. Aber die Schweizer Beteiligung ist im Verhältnis zu anderen so gering, dass die Genfer Produzentin Joëlle Bertossa nicht einmal an die Oscars reisen darf. Sie hätten nur sechs Einladungen bekommen. Diese gingen an den Regisseur sowie die amerikanischen und französischen Produzenten, die höher am Film beteiligt seien, sagte Joëlle Bertossa gegenüber «Glanz und Gloria». Aber eine Beteiligung bleibt eine Beteiligung – deshalb fiebern wir natürlich genau gleich mit. Aber wird es reichen?

Ich habe ihn zwar nicht gesehen – dafür hat mir mit 467 Spielminuten schlicht die Zeit gefehlt – aber klarer Favorit in dieser Kategorie ist «O.J.: Made in America». Der Film gewann bereits den PGA- und DGA-Award – und nun wohl auch den Oscar. Gefährlich werden könnte ihm höchstens noch «13th». Dies prognostizieren von «Vanity Fair» über «IndieWire» bis hin zu «Vox» gleich mehrere. Aber Achtung: «Vox» zum Beispiel sieht «I Am Not Your Negro» zumindest als «Dark horse». Und auch fast überall sonst wird die Schweizer Co-Produktion zumindest an dritter Stelle gehandelt. Vielleicht klauen sich hier die ersten zwei auch einfach gegenseitig die Stimmen?

«Ma Vie de Courgette» – Bester Animationsfilm

Gibt es eine schönere Vorbereitung als zwei Tage vor den Oscars noch kurz zwei Césars entgegenzunehmen? Bei den Französischen Filmawards wurde «Ma Vie de Courgette» als bester Animationsfilm und für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet. Einer von zahlreichen Preisen, welche die französisch-schweizerische Co-Produktion bereits entgegennehmen durfte. Aber die Oscars sind in den USA. Und das könnte «Ma Vie de Courgette» zum Verhängnis werden.

«Ma Vie de Courgette» wird zwar von vielen auch in den USA sehr wohlwollenden aufgenommen. «Vox» würde den Animationsfilm sogar gerne auf dem Siegertreppchen sehen. Aber die Konkurrenz amerikanischer Klassenschlager dürfte schlicht zu gross sein. Selbst Regisseur Claude Barras sagte gegenüber Bluewin.ch: «Theoretisch ist die Chance, einen Oscar zu gewinnen eins zu fünf. In Realität aber viel geringer. «Zootopia» wird gewinnen.» Und so wird es dann wohl auch sein. Mit «Kubo and the Two Strings» ist zwar noch ein Animationsfilm im Rennen, der auch in der Kategorie «Visual Effects» eine Nominierung erhielt, was ihm zu zusätzlichen Stimmen verhelfen könnte. Und auch «Moana» wäre eine Option. Beide aber sind von Disney. Und Disney wurde in den letzten drei Jahren bereits zweimal ausgezeichnet – weshalb es dieses Jahr vielleicht nicht reichen wird.

Seien wir aber mal ehrlich: Bereits die Nominierung für «Ma Vie de Courgette» als erster Schweizer Film in der Kategorie Animationsfilm ist ein riesiger Erfolg. Und das sehen auch die Macher so. «Als ich und mein Team von der Nomination erfuhren, haben wir vor Freude Luftsprünge gemacht», sagte Barras zur «Schweizer Illustrierten». Und gegenüber Bluewin.ch betonte er, dass sie dank den Oscars schon viele Kontakte knüpfen konnten. Und auf jeden Fall gefeiert werde – egal ob mit oder ohne Goldmännchen in der Hand.

«La Femme et le TGV» – Bester Kurzfilm

Bereits vor zwei Jahren konnte die Schweiz bei den Kurzfilmen mitfiebern, mit der Nominierung von Talkhon Hamzavi und Stefan Eichenberger für Parvaneh. Und dieses Jahr nun also Timo von Gunten und Giacun Caduff mit «La Femme et le TGV». Und hier hat die Schweiz wohl die grössten Chancen auf einen tatsächlichen Gewinn. Denn die Kategorie der Kurzfilme ist traditionell schwierig vorauszusagen, es kann eigentlich alles passieren. Und sogar wenn man einen Blick auf die Prognosen wagt, sieht es für «La Femme et le TGV» nicht schlecht aus. «Vanity Fair» beispielsweise setzt auf den Schweizer Kurzfilm – auch aus der Überlegung heraus, dass neben drei Kurzfilmen mit politischem Inhalt die Oscar-Voters hier einen charmanten, unpolitischen Film als willkommene Abwechslung sehen könnten:  «So La Femme – with its beautiful Swiss-village setting and message about embracing life in old age – is our pick. Wave that Swiss flag high.»

Auch bei «The Hollywood Reporter» macht sich ein anonymer Oscar-Voter im Rahmen der Artikel-Serie «Brutally Honest Ballot» für «La Femme et le TGV» stark: «I thought Timecode was good, but it was more of an intellectual exercise, so I went with my heart: I preferred the one about the woman and the bike and the train [La Femme et le TGV] because I thought there was something really humane about that one. She grew from that experience and it had a really positive message.» Ein paar Zusatzstimmen könnte der Film ausserdem dank der Hauptdarstellerin Jane Birkin holen, vor allem bei den älteren Acadamy Mitgliedern – und davon gibt es ja genug. Sehr oft wird in den Prognosen jedoch «Ennemis Interieurs» als möglicher Sieger genannt. Mal schauen – und hoffen.

Regisseur Timo von Gunten und die Produzenten Giacun Caduff und Jean de Meuron wollen nun in erster Linie die Oscars-Verleihung geniessen. Das man überhaupt nominiert sei, sei unglaublich und ein Traum, der in Erfüllung ging, sagte de Meuron gegenüber «Glanz und Gloria». «Wir geniessen das jetzt einfach in vollen Zügen und alles was jetzt passiert, auf das freuen wir uns jetzt einfach. Und dann werden wir sehen, wie es weitergeht.» Und Timo von Gunten ergänzte: «Man weiss nicht, wie häufig das noch vorkommt. Vielleicht ist es auch das einzige Mal. Und den Tag muss man einfach geniessen.» Ein Tipp, der ihnen auch Denzel Washington am Oscar-Luncheon gab, wie sie der «Schweizer Illustrierten» erzählten.

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